Kurzantwort: Nicht resorbierbare Hautfäden werden je nach Körperregion nach etwa 3 bis 21 Tagen gezogen: im Gesicht nach 3 bis 5 Tagen, an Kopfhaut und Armen nach 7 bis 10 Tagen, an Rumpf, Beinen, Händen und Füßen nach 10 bis 14 Tagen und an Handflächen und Fußsohlen nach 14 bis 21 Tagen. Entscheidend sind Durchblutung, Hautdicke und mechanische Belastung der Region. Den konkreten Termin legt immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest.
„Wann kommen die Fäden raus?“ gehört zu den häufigsten Fragen nach jeder Wundversorgung. Spätestens in Famulatur, Blockpraktikum und PJ wirst du sie selbst beantworten und Fäden auch selbst ziehen. Dieser Artikel fasst die gängigen Richtwerte zusammen, erklärt die Logik dahinter und zeigt Schritt für Schritt, wie ein Fadenzug fachgerecht abläuft.
Stand: September 2026
Fadenzug-Tabelle: Richtwerte nach Körperregion
| Körperregion | Richtwert Fadenzug | Warum? |
|---|---|---|
| Gesicht | 3–5 Tage | Exzellente Durchblutung, geringe Spannung, hoher Kosmetikanspruch |
| Hals | ca. 6–8 Tage | Gut durchblutet, aber mehr Bewegung als im Gesicht |
| Kopfhaut (behaarter Kopf) | 7–10 Tage | Gut durchblutet, dicke Kopfschwarte |
| Arme | 7–10 Tage | Mittlere Belastung |
| Rumpf (Brust, Bauch, Rücken) | 10–14 Tage | Dicke Dermis, Spannung durch Atmung und Bewegung |
| Beine | 10–14 Tage | Schwächere Durchblutung, Belastung beim Gehen |
| Hände und Füße | 10–14 Tage | Ständige Bewegung und Beanspruchung |
| Handflächen und Fußsohlen | 14–21 Tage | Sehr dicke Hornschicht, hohe Druckbelastung |
Die Werte gelten für unkomplizierte Wunden mit ungestörter Heilung und stammen überwiegend aus der Übersichtsarbeit von Forsch im American Family Physician (AAFP). Das DocCheck Flexikon nennt leicht abweichende Spannen, etwa 4 bis 6 Tage für das Gesicht, 6 bis 8 Tage für Kopf und Hals und 5 bis 10 Tage für den Rumpf. Solche Unterschiede sind normal: Die Zeitpunkte beruhen laut AAFP auf Expertenmeinung und klinischer Erfahrung, nicht auf großen randomisierten Studien. Über stark bewegten Gelenken, etwa an Knie oder Ellenbogen, bleiben Fäden eher am oberen Ende der Spanne.
Warum die Zeiten so unterschiedlich sind
Eine genähte Wunde durchläuft die klassischen Phasen der Wundheilung: Entzündungsphase, Proliferationsphase und Remodellierungsphase. In den ersten Tagen hält vor allem der Faden die Wundränder zusammen. Mit zunehmender Kollagenbildung übernimmt das neue Gewebe selbst die Stabilität. Der ideale Zeitpunkt für den Fadenzug liegt dort, wo die Wunde genug Eigenstabilität hat, der Faden aber noch keine unnötigen Spuren hinterlässt.
Wie schnell dieser Punkt erreicht ist, hängt von drei Faktoren ab:
- Durchblutung: Gut durchblutete Regionen wie Gesicht und Kopfhaut heilen schneller als schlechter versorgte Areale wie der Unterschenkel.
- Mechanische Belastung: Wo Haut bei jeder Bewegung unter Zug gerät, etwa über Gelenken oder am Rücken, braucht die Wunde länger Unterstützung durch den Faden.
- Hautdicke: Dicke Haut wie an Handflächen, Fußsohlen oder Rücken braucht mehr Zeit, bis sie belastbar ist.
Zu früh oder zu spät: Was dann passiert
Beim Fadenzug geht es immer um einen Kompromiss zwischen Stabilität und Kosmetik.
- Zu früh gezogen: Die Wunde kann wieder aufgehen (Wunddehiszenz), oder die Narbe verbreitert sich, weil die Wundränder unter Zug auseinanderweichen.
- Zu spät gezogen: Die Stichkanäle können epithelialisieren. Dann entstehen die typischen quer verlaufenden Punkt- oder Strichmarken entlang der Narbe, im Englischen als „railroad tracks“ bezeichnet. Außerdem steigt das Risiko für Fremdkörperreaktionen und Infektionen, und eingewachsene Fäden lassen sich schwerer entfernen.
Deshalb werden Fäden im Gesicht früh gezogen, oft kombiniert mit Wundnahtstreifen, die die Wunde danach noch einige Tage entlasten.
Weitere Einflussfaktoren
Nahtmaterial
Nur nicht resorbierbare Fäden wie Nylon oder Polypropylen müssen aktiv entfernt werden. Resorbierbare Fäden baut der Körper selbst ab. Eine Sonderform ist schnell resorbierbares Material wie Vicryl Rapide: Laut UpToDate verliert es innerhalb von 10 bis 14 Tagen fast seine gesamte Reißfestigkeit und fällt ab etwa 7 bis 10 Tagen von selbst ab. Mehr zu den Unterschieden findest du im Artikel Nahtmaterial: resorbierbar vs. nicht resorbierbar.
Nahttechnik
Intrakutannähte werden häufig mit resorbierbarem Material gelegt und müssen dann nicht gezogen werden. Bei nicht resorbierbarer Intrakutannaht wird ein Ende gekürzt und der Faden am anderen Ende als Ganzes herausgezogen. Rückstichnähte wie die Donati-Naht oder die Allgöwer-Naht werden oft an Stellen mit hoher Wundspannung eingesetzt, was sich wiederum auf den Zeitpunkt auswirkt.
Patientenfaktoren
Diabetes mellitus, Immunsuppression, Kortisontherapie, Rauchen, höheres Alter oder eine Wundinfektion können die Heilung verzögern. Zeigt eine Wunde Zeichen einer Infektion, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, ob einzelne Fäden vorzeitig entfernt werden, damit Sekret abfließen kann.
Hautklammern
Für Hautklammern gelten laut AAFP dieselben regionalen Richtwerte wie für Fäden. Sie werden mit einem speziellen Klammerentferner gezogen. Einen Vergleich beider Verfahren liest du im Artikel Wundverschluss: Klammern vs. Naht.
So läuft ein Fadenzug ab: Schritt für Schritt
Am Beispiel der Einzelknopfnaht, der häufigsten Hautnaht:
- Wunde beurteilen: Ist die Wunde geschlossen, trocken und reizlos? Rötung, Schwellung, Sekret oder klaffende Ränder gehören ärztlich beurteilt, bevor gezogen wird.
- Hygiene: Hände desinfizieren, Handschuhe anziehen, Wundgebiet desinfizieren.
- Knoten anheben: Den Knoten mit einer anatomischen Pinzette leicht anheben, sodass ein kleines Stück des Fadens sichtbar wird, das bisher im Stichkanal lag.
- Hautnah durchtrennen: Den Faden direkt an der Haut unter dem Knoten mit einer Fadenschere oder einem Fadenziehmesser durchschneiden.
- Herausziehen: Den Faden am Knoten zügig und in Richtung der Wunde herausziehen. So wird die frische Narbe nicht auseinandergezogen.
- Kontrollieren: Fäden zählen und mit der Anzahl der gelegten Stiche abgleichen, damit kein Faden zurückbleibt.
- Versorgen und dokumentieren: Bei Bedarf Wundnahtstreifen aufkleben und den Fadenzug dokumentieren.
Das wichtigste Prinzip: Der Anteil des Fadens, der außen auf der Haut lag, darf nicht durch den Stichkanal gezogen werden. Deshalb wird immer hautnah geschnitten. So werden keine Keime von der Hautoberfläche in die Tiefe verschleppt. Bei fortlaufenden Nähten wird jede Fadenschlinge einzeln durchtrennt und entfernt.
Fadenzug am Nahtpad üben
Den Fadenzug kannst du genauso trainieren wie das Nähen selbst: Setze am Nahtpad eine Reihe Einzelknopfnähte und entferne sie anschließend nach dem oben beschriebenen Ablauf. So übst du das hautnahe Schneiden und das Arbeiten mit Pinzette und Schere, ohne Zeitdruck. Das chirurgische Nahtset von anatomedic enthält dafür alles: ein mehrschichtiges, mehrfach verwendbares Nahtpad mit 14 vordefinierten Schnitten, Nadelhalter, anatomische und chirurgische Pinzette, Schere, Moskitoklemme sowie Nahtmaterial aus Nylon und Seide.
Merke für Prüfung und Praxis
- Faustregel: Kopf und Gesicht früh, Rumpf und Extremitäten später, Handflächen und Fußsohlen am spätesten.
- Die Richtwerte beruhen auf Expertenkonsens. Der individuelle Heilungsverlauf hat immer Vorrang.
- Immer hautnah unter dem Knoten schneiden und nie den äußeren Fadenanteil durch den Stichkanal ziehen.
- Resorbierbare Fäden müssen in der Regel nicht gezogen werden.
Häufige Fragen
Wann werden Fäden im Gesicht gezogen?
Meist nach 3 bis 5 Tagen, je nach Quelle auch bis zu 6 Tagen. Das Gesicht ist sehr gut durchblutet und heilt schnell, außerdem sollen frühe Fadenzüge Stichkanalnarben vermeiden.
Wann werden Fäden am Knie oder an anderen Gelenken gezogen?
An den Beinen gelten 10 bis 14 Tage als Richtwert. Über stark bewegten Gelenken bleiben Fäden eher am oberen Ende dieser Spanne, weil die Haut dort ständig unter Zug steht.
Tut Fäden ziehen weh?
In der Regel spürt man nur ein kurzes Ziehen oder Zupfen. Eine Betäubung ist bei einer normal verheilten Wunde üblicherweise nicht nötig.
Kann man Fäden selbst ziehen?
Davon ist abzuraten. Vor dem Fadenzug muss beurteilt werden, ob die Wunde ausreichend verheilt ist, und unsauberes Arbeiten erhöht das Infektionsrisiko. Der Fadenzug gehört in ärztliche Hände oder in die Hände geschulten Personals.
Was passiert, wenn Fäden zu lange drin bleiben?
Die Stichkanäle können epithelialisieren und sichtbare Punktnarben hinterlassen, das Risiko für Entzündungen steigt, und die Fäden lassen sich schwerer entfernen. Ein verpasster Termin sollte zeitnah nachgeholt werden.
Darf man mit Fäden duschen?
Laut der AAFP-Übersicht erhöhte das Benetzen der Wunde bereits 12 Stunden nach der Versorgung in einer Studie das Infektionsrisiko nicht. Welche Pflege im Einzelfall empfohlen wird, legt die behandelnde Praxis fest.
Müssen resorbierbare Fäden gezogen werden?
In der Regel nicht. Sie werden vom Körper abgebaut. Überstehende Fadenenden werden bei Kontrollterminen manchmal gekürzt.
Wann werden Fäden nach einer Zahn-OP gezogen?
Die Mundschleimhaut heilt schneller als die äußere Haut, daher wird nicht resorbierbares Material dort oft früher entfernt. Den Termin legt die Zahnärztin oder der Zahnarzt fest. Mehr dazu im Artikel Nahtmaterial in der Zahnmedizin.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Ausbildungszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung oder praktische Anleitung durch qualifiziertes Fachpersonal. Die genannten Zeiträume sind Richtwerte; den Zeitpunkt des Fadenzugs legt immer die behandelnde Ärztin bzw. der behandelnde Arzt fest. Trotz sorgfältiger Recherche kann keine Gewähr für Vollständigkeit oder Aktualität übernommen werden.
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Quellen und weiterführende Literatur
- Forsch RT. Essentials of Skin Laceration Repair. Am Fam Physician. 2008;78(8):945–951. aafp.org/afp/2008/1015/p945
- Forsch RT, Little SH, Williams C. Laceration Repair: A Practical Approach. Am Fam Physician. 2017;95(10):628–636. aafp.org/afp/2017/0515/p628
- DocCheck Flexikon: Fadenzug. flexikon.doccheck.com/de/Fadenzug
- UpToDate: Skin laceration repair with sutures. uptodate.com
- StatPearls: Oral and Maxillofacial Surgery, Facial Laceration Repair. NCBI Bookshelf. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK570584
- Gefäßzentrum Bremen: Gefäß-Lexikon: Fädenentfernung. gefaesszentrum-bremen.de